Zeugen der Abwesenheit

Daniela Comani, Edith Dakovic, Ursula Döbereiner

Im Rahmen der Ausstellung "Zeugen der Abwesenheit" werden Arbeiten der Künstlerinnen Daniela Comani, Edith Dakovic und Ursula Döbereiner gezeigt. Der Zusammenhang zwischen den drei Positionen stellt sich über die Reflexionsansätze zu Fragen der Repräsentation von Raum und Subjekt / Körper sowie deren Bezugsfeldern her.


Ursula Döbereiner: esc003 (2006)

Die in Form einer Tapete geplottete Digitalzeichnung rekuriert auf die Innenraumgestaltung des von König Ludwig II. von Bayern gebauten Schloss Linderhof. Die Entwürfe jenes um 1870 errichteten Schlosses zeugen von den obsessiven Weltfluchtversuchen des Auftraggebers, der über die Prinzipien einer illusionistischen Architektur neobarocker Prägung die Schaffung einer künstlichen Welt vermeintlicher Abgeschiedenheit herzustellen suchte. Die architektonische Inszenierung dieser Räumlichkeiten, in denen die Grenzen von gebautem, gemaltem und gespiegeltem Raum miteinander verschmelzen, werden durch (und in) Ursula Döbereiners Zeichnungsinstallation aufgenommen, collagiert und transformiert. Innerhalb der Digitalzeichnung, die auf Fotografien der Originalräume basiert, werden die unterschiedlichen Konstruktionsebenen des illusionistischen Realraums auf der zweidimensionalen Zeichnung abstrahiert und egalisiert. Gleichzeitig aber stellt die Zeichnung durch die raumumfassende Installation des Tapetenplots die Architektur des realen Ausstellungsraums in Frage, indem jener Realraum mit der Repräsentation eines imaginären Raum ausgekleidet wird und somit eine eigene Wirklichkeit herstellt.


Daniela Comani: double drawings (1995 - 2005)

Die formale Konzeption der “double drawings” basiert auf dem Prinzip der permanten Überlagerung, indem übereinander gelegte Blätter mit jeweils unterschiedlichen Sujets zu disparaten Montagen zusammengefügt werden. Innerhalb der einzelnen Zeichnungen werden über schlichte Umrisslinien mit Bleistift oder Tusche auf Transparentpapier die Bilderwelten einer abstrahierten massenmedialen Repräsentation sogenannter Wirklichkeit organisiert. Die durch die (austauschbare) Schichtung der Motive entstehenden Erzählungen sind weder linear, noch spezifisch. Vielmehr verweisen sie auf das Auseinanderdriften unterschiedlicher Ereignisse, ihrer Handlungsorte sowie damit verbundener Akteure und vor allem ihrer medialen (Re)produktion und Distribution. Raumzeitliche Zusammenhänge werden aufgesplittet, indem die Motive aus ihrem Kontext herausgelöst, isoliert dargestellt und förmlich bausteinartig miteinander verknüpft werden. Sowohl durch die Option der geradezu beliebig zu kombinierenden Sujets und Bildträger als auch durch die Art ihrer Repräsentation werden die “double drawings” zu einer kritischen Reflexion des Wirklichkeitsbezugs moderner Massenmedien.

Edith Dakovic: Mer-made Products (2005/06)

Die lose Serie aufblasbarer Skulpturen greift auf unterschiedliche Formen von Wassersportaccessoires zurück: u.a. Schwimmflügel, -westen und –ringe.
Während die Grössen der Skulpturen denen der Referenzobjekte entsprechen, weichen Farbigkeit und Oberflächenstruktur wesentlich von denen der Vorbilder ab. Denn anstatt aus quietschbuntem Plastik bestehen Dakovics Skulpturen aus einem silikonbasierten Gummimaterial, das - in einem aufwändigen Schichtungsverfahren hergestellt - die Oberfläche menschlicher Haut nachbildet. Neben Leberflecken, Hautunebenheiten, kleinen Warzen u.ä. sind ebenfalls Zeichungen in jene Oberflächen eingearbeitet. Die Zeichnungen, die in den "Mer-made Products" inkorporiert sind, greifen auf das klassische Formenvokabukar konventioneller Matrosentätowierungen zurück: Meerjungfrauen, Anker etc. Die handelsüblichen Freizeitartikel, auf die die Skulpturen rekurrieren, fungieren als Hilfsmittel, indem sie den menschlichen Körper um spezifische Funktionen erweitern. Die “Mer-made Products” hingegen transformieren die Form eines Massenproduktes zum symbolischen Körpersubsitut in welches populäre Sehnsuchtsmotive eingeschrieben sind.

Ulrike Kremeier